Geschichten

Sie redete leise, mit zusammengebissenen Zähnen. Sie bemerkte im Augenwinkel, dass er sich zu ihr gewandt hatte. Sie ignorierte das. Dann packte er ihre Schultern und drehte sie zu sich.

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So gut wie der Tag doch anfing, so schlimm wurden die weiteren Stunden, die folgten. Irgendwo im Chaos des Ladens stand sie und versank. Alle wuselten um sie herum, waren genervt, so genervt wie sie selber. Jeder wollte, dass dieses Chaos endlich endete, dass die Bestellungswelle endete. Bei seiner Anwesenheit konnte sie sich nicht entscheiden, ob sie ihn am liebsten ignorieren oder betrachten sollte. Sie entschied sich letztendlich für ersteres. Nicht aus eigenen Stücken. Einfach aus dem Grund, dass die Arbeit ihr die letzten Nerven raubte. Sie tat den lieben langen Abend nichts anderes als ständig das gleiche. Bestellungen annehmen, weiterleiten, telefonieren. Am liebsten hätte sie jeden Moment alles Stehen und Liegen gelassen. Sie riss sich aber zusammen. Der einzige Hoffnungsschimmer war ihr Feierabend. Nur noch knapp eine Stunde, bevor sie offiziell gehen durfte. Vor ihm. Tja, das dachte sie zumindest…

„Einer von euch darf dann jetzt Schluss machen!“

Wie gerne sie doch die Worte hörte. Endlich war der Moment gekommen, indem es ruhiger wurde. Nun wandte er sich zu ihr. Sie stand direkt neben ihm am Computer.

„Dann geh ich. Ich bin von gestern Abend noch so fertig!“ Er strich sich über die Augen.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“

Genervt funkelte sie ihn an, doch noch bevor sie weiter diskutieren konnte, meldete sich das Telefon wieder. Sie musste weiterarbeiten, wieder einen neuen Kunden bedienen, freundlich sein, sich nichts anmerken lassen und ihre Müdigkeit umspielen. In diesem Moment war sie auf alle sauer, aber besonders auf ihn. Er ließ sie hier jetzt einfach allein und ging nach Hause. Sie hingegen hob das Telefon auf. Ihre Stimmung umspielte sie mit einem Lächeln.

Während des Telefonats hatte er sich wieder neben sie gestellt, tippte seine Feierabendzeit in den Computer ein und wartete, dass sich ihre Unterhaltung fortsetzte. Nur das wollte sie nicht. Sie legte den Hörer kurze Zeit später nieder und machte sich am Computer an die Arbeit. Hauptsachen ihm keine Möglichkeit geben, mit ihr zu reden. Er tat es trotzdem.

„Tut mir echt leid!“, hörte sie seine Stimme neben sich.

„Aha!“

Sie redete leise, mit zusammengebissenen Zähnen. Sie bemerkte im Augenwinkel, dass er sich zu ihr gewandt hatte. Sie ignorierte das. Dann packte er ihre Schultern und drehte sie zu sich. Sie konnte ihn durch ihre Mütze, die ihr fast das ganze Gesicht verdeckte, kaum anblicken. Sie spitzte also nur zu ihm hinauf. Dann schob er sie – ihr Blick war immer noch versteinert – zu sich und drückte ihr einen Kuss rechts und links auf die Wangen. Sie spürte seinen Bart auf ihrer Haut. „Sei mir nicht böse!“ Seine Hände ruhten immer noch auf ihren Schultern. Ihr Herz pochte stärker. Es dröhnte in ihrem Kopf. Das Blut schoss ihr ins Gesicht, sie errötete. „Mal sehen!“ Sie löste sich von seinem Griff, um sich wieder an ihre Arbeit zu machen. „Ich spendiere dir dafür das nächste Mal ein Bier!“, rief er ihr noch hinterher. Sie beachtete es aber nicht. Er sollte sehen, wie genervt sie war, wie wütend auf ihn. Auch wenn er sie besänftigt hatte. Zumindest ein bisschen. Das sollte er aber nicht bemerken.

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