Lifestyle

Denn jetzt ist der Schmerz wieder da, und ich weiß, von was er verursacht wird: dem gerissenen Kreuzband und dem Meniskus in meinem Knie.


März


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Ich liege da in der Dunkelheit und starre an die Decke. Ich kann nicht schlafen. In meinem Bauch spüre ich ein großes Loch. Es scheint mich innerlich aufzufressen. In meinen Augen bilden sich immer wieder Tränen. Ich wische sie weg. Ich liege auf dem Rücken, würde gerne die Position wechseln, aber das geht nicht. Nicht in meiner momentanen Situation. Diese Nacht ist es schlimmer als alle Nächte zuvor, denn der Schmerz ist zurück. Der Schmerz in meinem Bein, das in einer engen Schiene fixiert liegt. Auf die Seite drehen ist nicht möglich. Weder auf die eine, noch auf die andere. Schmerz. Stechender Schmerz. Vor Tagen war er erst einmal verschwunden. Ich dachte, ich hätte das schlimmste überstanden. Ich dachte an Besserung. Es war ein Trugschluss. Denn jetzt ist der Schmerz wieder da, und ich weiß, von was er verursacht wird: dem gerissenen Kreuzband und dem Meniskus in meinem Knie. Die Hiobsbotschaft ist eine Woche alt, und es wirkt immer noch unreal. Ich kann es einfach nicht fassen. Drei Monate, bevor ich meinen Aufenthalt hier in Frankreich beenden würde, geschieht das: Krücken, Schiene, Schmerzen. Ich war dem Ende, einem guten Ende so nahe. Vor kurzem machte ich mir noch um andere Dinge Gedanken. Dinge, die ich die Wochen und Monate noch erledigen wollte. Jetzt ist ein anderes Ende näher. Ein vorzeitiges. Ein abruptes. Ich werde nicht mehr in die Universität gehen können. Es hapert bereits am Gehen. Ich kann keine Nächte mehr mit meinen neu gefundenen Freunden durchmachen, nicht mehr reisen, nicht mehr die Stadt erkunden. Es ist vorbei. Genau diese Tatsache tut so verdammt weh. Ich hatte hier noch soviel vor, wollte noch soviel erleben, aber stattdessen geht es jetzt darum, zurück nach Hause zu kommen, Ärzte aufsuchen, Operation planen, Operation überstehen, Physiotherapie, Reha. Ich bin wütend. Wütend auf das Trampolin, wütend auf mich, wütend auf mein Knie, wütend auf alles. 


Mai


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Langsam öffne ich meine Augen. Ein Tag ist es her. Ein Tag nach der Operation. Den gestrigen Tag habe ich nur ganz schwammig in Erinnerung. Ich habe ihn verschlafen. Mein Körper fühlt sich schlapp an, mein Bein schwer. Es ist in einen dicken Verband und in eine dicke Schiene gespannt. Das Bein liegt erhöht. Bei der kleinsten Bewegung reißt ein unbeschreibbarer Schmerz durch meinen ganzen Körper. Tränen bilden sich in meinen Augen. Schon wieder. Mein  Magen knurrt. Ich habe seit gestern nichts mehr gegessen. Ich hatte aber auch keinen Hunger. Erst jetzt. Der Schmerz nimmt ihn mir aber gleich wieder. Die verschriebenen Schmerztabletten helfen nichts. Ich weine. Sie werden schlimmer, als es heißt, Verband abnehmen, Pflaster wechseln, Drainage ziehen. Schon bei der kleinsten Bewegung schreie ich laut auf. Der Schmerz ist unaushaltbar. Es folgt die Therapeutin. Sie möchte anfangen, mein Bein zu bewegen. Unmöglich. Auch das Anziehen des Kompressionsstrumpfs sind Höllenqualen. Ich weine, kann mich fast nicht beruhigen. Ich zitter am ganzen Körper. Ich verfluche alles. Weitere Schmerztablette, die helfen. Zwei Tage später quält mich ein anderer Therapeut aus dem Bett. Ich muss das Laufen üben. Ich stehe dem ganzen kritisch entgegen. Doch er motiviert, er erklärt mir alles. Er ist auch ziemlich streng, doch ich schenke ihm vollstes Vertrauen. Die ersten Schritte bleiben die Hölle. Das Blut schießt in mein Bein. In meinem Schienbein fühle ich jede Wunde. Es sticht. Es sticht brutal. Ich will wieder in mein Bett, doch der Therapeut lässt mich durchhalten. Als ich erleichtert mein Bett wieder aufsuche, bin ich stolz. Meine ersten Schritte. Sie taten weh, sie waren schrecklich, doch ich tat sie. Jetzt weiß ich, dass es bergauf geht.


Juni


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Ich mache meinen ersten Schritt nach vorne. Ich belaste das erste Mal mein Bein voll. Die Krücken sind beiseite gelegt. Jetzt muss ich mich mit meinem eigenem Körpergewicht, mit meinen Beinen nach vorne schieben. Der erste Schritt. Es zieht, es drückt, doch ich stehe, ich stehe auf ihm. Es ist unangenehm. Ich ziehe das andere hinterher. Einem echten Schritt gleicht das nicht. Ich muss das gesunde Bein schneller nach vorne schieben. Das andere hält mich nicht. Es sind einfach keine Muskeln mehr vorhanden. Drei Monate ist der Unfall nun her. Drei Monate, in denen ich das Bein nicht benutzt, nicht belastet habe. Jetzt besteht es nur noch aus Haut, Knochen und Fett. Auf jeden Fall spannt sich hier nichts mehr an, was mich halten könnte. Ich habe keine Muskeln mehr. Das merke ich. Mein Knie ist wackelig, überhaupt nicht stabil. Aber das neue Kreuzband hält. Nichts knackst. Es schmerzt auch nicht. Es ist nur anstrengend. Sehr sogar. Mein Physiotherapeut muss hinten und vorne mein Knie stabilisieren, damit die ersten Schritte funktionieren. Zum Glück nur das erste Mal. Im Laufe der Tage wird es immer besser. Irgendwann kann ich dann auch schon eine Krücke weglegen. Komplett ohne funktioniert nicht. Die Muskeln, die ich zum Laufen bräuchte lassen sich mächtig Zeit, sich wieder aufzubauen. Ich versuche es ohne Krücken, aber das wird auf die Dauer zu anstrengend. Dann zieht es in der Kniekehle. Dann kommt auch noch ein fieser Muskelkater im hinteren Oberschenkel und in der Wade dazu. Ich mache Schritt für Schritt Fortschritte. Ich sehe sie. Doch meinem offiziellen Plan halte ich nicht ein. Ich schaffe es weder nach vier Wochen nach der OP komplett ohne Krücken voll zu belasten, noch nach acht Wochen die Schiene abzulegen. Kein Wunder. Der Plan sieht schließlich auch nicht vor, dass ich durch wochenlanges Liegen meine Muskeln verliere. Die müssen erst wieder aufgebaut werden. Bis dahin muss ich Krücke und Schiene beibehalten…

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2 Kommentare zu „Denn jetzt ist der Schmerz wieder da, und ich weiß, von was er verursacht wird: dem gerissenen Kreuzband und dem Meniskus in meinem Knie.

  1. Wenn du in diesem Post von dir selbst berichtest und dich aktuell noch in der Situation befindest kann ich nur sagen, dass ich mit dir fühle und dir gute Besserung wünsche!! Ich denke mir dann immer, es hätte auch noch schlimmer kommen können, das tröstet mich zumindest ein bisschen..
    Ich habe gerade einige stories von dir gelesen und muss dir ein großes Kompliment aussprechen, vieles was du schreibst – ob nun echt oder unecht, kenne ich aus meinem eigenen Leben.. Ein echt interessanter Blog, der sich wirklich von der Masse abhebt, ich bin gespannt mehr von dir zu lesen!:)
    Liebe Grüße
    https://soulstories-amandalea.blogspot.com/

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