Geschichten

Er wirkte wie der typische Idiot. Wie jemand, mit dem sie lieber nichts zu tun haben wollte. Vorlaut und arrogant. Ein Arschloch eben.

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Sie war etwas verunsichert, als sie den Laden betrat. Schließlich kannte sie hier niemanden und war auch nur kurzfristig für eine andere eingesprungen. Sie wusste ja nicht einmal, wer hier überhaupt das Sagen für den Abend hatte. Hier wuselten mehrere Personen umher: ein Mann, mittleren Alters, sie schätzte ihn auf 35, Bierbauch, Brille. Gleich daneben ein Jüngerer, vielleicht so in ihrem Alter. Irgendwo bei 25. Sie hätten es beide sein können. Sie entschied sich für den Älteren. Falsche Entscheidung.

Der Blick des Jüngeren erhob sich vom Computer, als sie in die Filiale trat und sich etwas von der Theke entfernt stellte. Sie hatte ihn vorher schon einmal gesehen, bei einer Mitar­beiterversammlung. Sie war alles andere als begeistert. Er wirkte wie der typische Idiot. Wie jemand, mit dem sie lieber nichts zu tun haben wollte. Vorlaut und arrogant. Ein Arschloch eben. Seine Haare waren ganz kurz rasiert. Er trug einen leichten Dreitagebart. Ihr fielen die Brusthaare auf, die aus seinem aufgeknöpften roten Arbeitsshirt hervorblitzen. Dann erst fielen ihr seine blauen Augen auf, die sie anfunkelten, als sie sich als Aushilfskraft vorstellte. Sie konnte nicht abstreiten, dass er gut aussah. Er sah sogar unverschämt gut aus. Zu gut. Trotzdem spielte das in dem Moment keine Rolle. Sie konnte ihn nicht leiden. Weder bei der Versammlung, noch jetzt. Deswegen war sie auch von ihm anfangs abgeneigt, wenn nicht zu Beginn unfreundlich. Das änderte sich erst ein Stück, als sie erfuhr, dass er für diesen Abend ihr Chef war. Verdammt. Doch nicht nur das änderte ihre Haltung ihm gegenüber. Während sie miteinander arbeiteten, war er nett, freundlich, höflich, ganz anders als sie gedacht hatte. Plötzlich konnte sie ihn ganz gut leiden. Er war witzig, er war locker, hatte keine Chefallüren. Dann folgten immer wieder kleine Augenblicke, in denen sie sich einbildete, seine Art und Weise war mehr als nur Freundlichkeit, mehr als bloße Höflichkeit. Irgendwie war da mehr. Dieses Mehr konnte sie aber nicht richtig deuten. Oder vielleicht bildete sie sich das auch ein. Sie wusste es nicht. Auf alle Fälle spielte nach ein paar Stunden sein Aussehen doch eine Rolle. Er sah gut aus und war lieb. Doppeltes Verdammt.

Irgendwann wurde sie dann endlich von der Arbeit erlöst. Sie war erleichtert, froh, wollte nur noch heim ins Bett. Der Abend war anstrengend genug. Sofort sprang sie hinauf in die Umkleide, warf ihre normale Alltagskleidung über und kam wieder nach unten. Jetzt erst realisierte sie, dass sie ihn nicht so schnell wieder sehen würde, war sie schließlich an diesem Tag nur als Vertretung erschienen. Sie versuchte, dass dieser Gedanke sie nicht störte, verabschiedete sich von ihm und verließ den Laden.

 

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