Geschichten

Bis auf den Wind, der in den Blättern raschelte, umgab uns Stille. Bloße Stille. Angenehme Stille. Denn ich war hier oben nicht alleine.

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Ich liege da. In diesem riesigen, weißen Bett, mitten in meiner Wohnung. Ich starre an die Decke und versuche die Zeit totzuschlagen. Der Fernseher bleibt aus. Ich genieße die Stille. Langsam weiß ich einfach nicht mehr, was ich tun könnte. Ich kann keine Musik hören. Sie stört mich. Ich kann keinen Fernseher mehr sehen. Er ödet mich an. Immer das gleiche. Für meine Uni will ich einen Moment nicht denken. Einfach mal dafür nichts machen. Auch wenn es genug zu tun gibt. Ich habe die Motivation verloren. Ich langweile mich nur noch. Alles langweilt mich. Seit Wochen stecke ich zuhause fest. Mein verletztes Bein lässt mir keine andere Wahl. Ich kann nicht lange laufen. Es ist zu anstrengend. Irgendwann zwicken mir meine Muskeln. Dann geht gar nichts mehr. Statt meine freie Zeit zu genießen, bin ich in meiner Wohnung eingesperrt. Ich bin ganz allein. Ich bin einsam. Nur ich bin in dieser riesigen Wohnung. Ich warte, warte bis ich endlich meine Krücken davonjagen kann, warte, bis ich endlich wieder etwas erleben kann, ohne an mein Bein denken zu müssen. Es frustriert.

Ein Klopfen an der Tür reißt mich auf einmal aus meinen Gedanken heraus. Ich sitze sofort kerzengerade auf dem Bett und starre zur Uhr. 12.38. Ich erhebe mich, schnappe mir meine Krücke und peile die Tür an. Ich weiß nicht, wer mich jetzt besuchen kommt. Wahrscheinlich jemand aus meiner Familie. Ich öffne die Haustür und staune nicht schlecht.

„Was machst du denn hier?“ 

Dass ich ihn entgeistert anstarrte, wäre untertrieben gewesen. Mit ihm hatte ich auf alle Fälle nicht gerechnet. Nicht an seinem freien Tag, aber auch an keinem anderen. Wir kannten uns schließlich erst seit kurzem. Wir kannten uns seit kurzem ziemlich gut. Aber nicht so, dass ich seinen Besuch bei mir erwartet hätte.

„Du meintest, dass du wegen deinem Bein nichts unternehmen kannst. Wir wäre es denn mit einem kurzem Roadtrip? Dafür musst du auf alle Fälle nicht viel laufen!“

Mir verschlug es weiterhin die Sprache. Ich war zu überrascht von seinem Auftauchen. Überrascht. Aber ich lächelte. Mich machte es glücklich. Glücklich, dass er hier war. Glücklich wegen seinem Vorschlag. Ich dachte nicht weiter nach und sagte zu. Handy, Krücke, Schlüssel. Los.


Nach einer Weile, in denen wir durch weite Felder, Hügellandschaften und vorbei an Burgruinen fuhren, erreichten wir eine Erhöhung. Erst dort stiegen wir aus. Ich humpelte ein Stück vom Auto weg, er war sofort an meiner Seite. Dann blickten wir gemeinsam ins Tal hinab. Der Blick war bis hinüber zum anderen Teil des Kessels frei. Warm brannte die Sonne auf uns hinab. Die braun, grün, gelb und rot gefärbten Bäumen waren noch nass vom Regen des letzten Tages. Die Regentropfen glänzten wie in Diamanten. Hier oben standen nur wir. Bis auf den Wind, der in den Blättern raschelte, umgab uns Stille. Bloße Stille. Angenehme Stille. Denn ich war hier oben nicht alleine. Tief atmete ich die frische Luft ein und lächelte. Dann wandte ich mich zu ihm. „Danke!“ Er lächelte.

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