Kolumne

Ich entschied mich fürs Kennen lernen im echten Leben. Ich will kein Bild, kein Profil erst ausführlich studieren, bevor ich mich für oder gegen ihn entscheide.

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Er schreibt mich mit „coucou“ Hallöchen an. Ich betrachte mir sein Profil. Er schaut gut aus. Blonde Haare, blaue Augen. Mag ich. Er ist Student, 25 Jahre alt, wohnhaft in Toulouse. Er wirkt nett. Ich antworte ihm. Eigentlich habe ich von der Dating-App genug. Seine Nachricht stoppt mich davor, sie zu löschen. Ich gebe ihr eine Chance, ich gebe ihm eine Chance. Ich antworte ihm mit Salut. Prompt kommt eine Antwort.

„Wie geht’s?“

Ich antworte noch freundlich, dass es mir gut geht. Ich frage zurück. Der normale Smalltalk. Ich bin kein Fan von Smalltalk. Doch so beginnen Gespräche eben. Besser als Stille.

„Was suchst du hier?“

Genervt rolle ich mit den Augen. Wieder diese Frage. Wieder die Frage, was ich suche. Ich versuche ruhig zu bleiben, nicht zickig zu antworten, auch wenn es in mir brodelt. Ich hasse diese Frage. Sie scheint aber normal in der Online-Welt zu sein. Denn anscheinend gibt es nur zwei Möglichkeiten, warum man sich am Online-Dating bedient: Sex oder Beziehung. Nichts dazwischen. Und jeder muss sich in eine der Spalten befinden. Die Absichten müssen von vornherein feststehen. Was nicht passt, wird aussortiert. Das nach einer Frage. Das nach der Frage, wie es einem geht. Man lernt sich nicht etwa kennen. Nein. Entweder ich will das eine oder das andere. So einfach. Dass die Dating-App mich nach Frankreich verortet hat, war so eigentlich nie geplant. Doch ich gebe ihm noch eine Chance. Vielleicht entpuppt er sich ja als ganz nett. Ich wimmle meine Genervtheit ab. Es war ja nur eine Frage. An der Tatsache, dass sie mir bereits zu oft gestellt wurde, hat er ja keine Schuld.

„Ich weiß nicht, was ich suche! Bekanntschaften eben!“

Mehr fällt mir dazu auch nicht ein. Nie habe ich mir jemals Gedanken darüber gemacht. Weder in Deutschland, noch in Frankreich. Ich will Menschen kennen lernen, nicht mehr, nicht weniger. Ich suche nicht das eine und auch nicht das andere. Ausgeschlossen ist beides nicht. Aber deswegen bin ich nicht hier. Ich stelle die Frage an ihn zurück.

„Ich möchte Leute kennen lernen!“

Gute Antwort auf eine blöde Frage. Das macht ihn sympathischer. Doch die Unterhaltung ist zäh. Nur schleppend zieht sie sich voran. Neue Fragen, weiterer Smalltalk. Beruf, Studium.

„Ich studiere bureau d’études!“

Klingt spannend, sage ich ihm auch, obwohl ich keinen Plan habe, was das ist. Google hilft mir damit auch nicht. Ich frage nach. Zum Glück ist er entspannt und erklärt es mir. Langsam kommt das ganze in Fahrt. Sehr schwerfällig und anstrengend, doch es geht voran. Mehr oder weniger. Dann bricht die Unterhaltung plötzlich ab. Keine neuen Fragen, keine neuen Antworten. Paar Tage nicht mehr. So aus heiterem Himmel. So seltsam ich die ganze Sache auch finde: sie stört mich nicht.

Tage später lösche ich die Dating-App wieder. Warum? Ich habe keine Lust mehr auf das Schreiben mit wildfremden Leuten, wildfremden Männern. Ich habe der App vier Monate in Frankreich gegeben. Beeindruckt war ich nicht. Ich verbrachte zuviel Zeit damit, zu schauen, wie viele Nachrichten ich geschickt bekam. Selber bewertete ich niemanden. Irgendwann klickte ich nur noch auf Löschen, ohne mir die Bilder oder Nachrichten durchgelesen zu haben. Ich war genervt. Nicht von denen, die mir schrieben. Nicht von ihren Worten. Sondern von der App. Dann kam aber die Nachricht von A., und ich entschied mich für einen Moment anders. Dann diese Pleite. Ich löschte sie.

Die App nutzte ich bereits das vierte Mal. Jedes Mal lernte ich Leute kennen. Nicht, dass es immer nur Idioten waren. Viele von ihnen waren freundlich. Mit vielen von ihnen konnte ich mich gut unterhalten. Letztendlich kam es tatsächlich nur mit einem zum Treffen. Es war spontan. Ich war in der Stadt shoppen, er in der Nähe. Wir trafen uns in einem Café. Den, den ich da aber dann für ein Date traf, stellte sich als ein absoluter Frosch heraus. Er war unverschämt und hielt sich für was Besseres. Ich löschte seine Nummer und die App.

Beim zweiten Versuch hatte ich mehr Glück. Ich lernte O. kennen. Wir hatten online eine gute Unterhaltung. Ich hätte ihn gerne persönlich kennen gelernt. Er war so witzig, so freundlich, er verstand meine Ironie. Doch er war in Berlin, ich noch in Sachsen-Anhalt. Ein Treffen kam nicht zustande. Irgendwann brach dann der Kontakt ab. Letztendlich schade.

Ich gab der App Chancen. Immer wieder. Einige Male. Letztendlich löschte ich sie dann doch wieder. Ich entschied mich fürs Kennen lernen im echten Leben. Ich will kein Bild, kein Profil erst ausführlich studieren, bevor ich mich für oder gegen ihn entscheide. Ich möchte mich unterhalten, möchte die wirkliche Person kennen lernen, möchte Unterhaltungen führen, lange Unterhaltungen, keinen Smalltalk. Ich will mir gleich einen richtigen Eindruck von jemand machen, keine Scheinwelt aufbauen, um sie dann zerstört zu bekommen.

Welche Erfahrungen habt ihr denn schon mit Dating-Apps gemacht?  

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