Geschichten

Ich sah wieder weg. Es war besser so. 

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Drinnen in der Bar war es stickig und voll. Menschen über Menschen, die sich aneinander drückten. Die Luft war gedrängt von Bier, Schweiß und Parfüm. Irgendwann wurde es mir zuviel, ich musste raus. Tat ich auch. Unbemerkt. Keiner merkte es. Sie alle waren in ihre Unterhaltungen vertieft. Vertieft in die letzten Unterhaltungen, die sie wahrscheinlich miteinander führen würden. Es war die letzte gemeinsame Feier zusammen. Einige würden bald abreisen, einige würden verreisen, einige blieben. Auf alle Fälle würde sich was verändern, würde sich viel verändern. 

Ich musste die Bar für einen Moment verlassen. Also drückte ich die schwere Tür der Bar auf und trat hinaus in die fast nächtliche Luft. Sie war so frisch. Mein Weg führt mich ein paar Meter von der Bar entfernt zu einer Bank. Ich setzte mich und blickte zum Fluss. Tief sog ich die saubere und frische Luft in meine Lungen ein und atmen Sie wieder aus. Die Luft tat mir gut. Drinnen war es so beklemmend. Immer mehr Menschen waren hineingeströmt. Irgendwann klebte ich zwischen mehreren Körpern, konnte mich kaum noch bewegen. Hier draußen aber ging es mir besser. Mein Blick schweifte zur hell erleuchteten Brücke. Ich hörte leise das Rascheln des Windes in den Bäumen und das Rauschen des Flusses. Eine Stimme riss mich abrupt aus meinen Gedanken heraus. 

“Hey, was machst du hier ganz alleine?”

Ich wandte mich um. Die Stimme war mir bekannt. Ich blickte zu ihm. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand gemerkt hatte, dass ich nicht mehr bei den anderen in der Bar stand. Es war einfach viel zu voll und viel zu laut gewesen. Da war es einfach, zu verschwinden. Doch er hatte wohl mein Verschwinden bemerkt und war mir irgendwann gefolgt. Ich lächelte ihn an und ließ ihn sich neben mich setzen. Dann herrschte zwischen uns für einen Moment Stille. Der frische Nachtwind strich über meine heiß gewordenen Haut. Nicht nur die Wärme von der Bar war für meine Glühen verantwortlich. Dass er neben mir saß, machte mich nervös. Meine Hände, die auf meinem Schoß lagen, wussten nicht, was sie tun sollten. Dann brach er das Schweigen.

“Alles in Ordnung mit dir?“

Ich nickte. Zögerlich. Eigentlich war gar nichts in Ordnung. Das verschwieg ich aber. Es waren nur noch knapp zwei Monate, die wir hier beide in diesem Land verbrachten. Dann verschwand ich wieder in meins, er in seins. Das Meer würde uns dann trennen. Egal wie optimistisch ich mir die Dinge einredete: die Distanz war zu groß. Aber diesen Gedanken verschwieg ich ihm. Ich sprach mir zu, dass es besser so war. Weh tat es aber trotzdem.

“Es ist schade, dass unser Aufenthalt bald endet!”

Wieder nickte ich stumm. Gerade in diesem Moment versuchte ich tatsächlich ein paar Tränchen zu unterdrücken. Zum Glück war es dämmrig. Er würde es nicht bemerken.

„Denkst du, wir werden uns alle wiedersehen?“

Ich blicke zu ihm. Das hatte ich die ganze Zeit vermieden. Jetzt tat ich es. Ich musste es. Ich wollte seine Reaktion sehen. Ich wollte ihn sehen. Zumindest ein letztes Mal. Schließlich war es unsicher, ob man sich jemals wieder über den Weg laufen würde. Die Wahrscheinlichkeit war gering. Sie war es hier, sie war es woanders.

„Man sieht sich im Leben immer zweimal!“

Er grinste und sah mich an. Da blickte ich wieder in die blauen Augen und in das strahlende Lächeln, von dem ich bereits von Anfang an verzaubert war. Er sah so gut aus, er war so lieb, er war so witzig. Und in zwei Monate würde er in sein Land zurück verschwinden. Ich sah wieder weg. Es war besser so.

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