Geschichten

Sein Äußeres täuschte. Die anfänglich sympathische Seite auch. Er war anders, so ganz anders. Was ich da sah, gefiel mir überhaupt nicht.

2014 (363)

„Was wurde eigentlich aus dem, von dem du mir letztens erzählt hast! Kam da jetzt noch irgendwas?“

Ich hatte mich in mein Bett wieder einmal verkrümelt. Etwas anderes tat ich die letzten Wochen auch nicht. Im Bett liegen, Bein hoch, warten, bis das verletzte Knie sich von der Operation erholte. Solange standen am Tag kaum Dinge an. Viel Zeit zum Nachdenken, und doch schaffte ich es tatsächlich, den Gedanken an ihn zu verdrängen. Eigentlich hatte ich vor drei Wochen mit ihm abgeschlossen. Durch die Nachricht, die mir eine Freundin schickte, war er sofort wieder präsent in meinem Kopf. 

„Ach Gott, der hat sich als absoluter Vollidiot entpuppt!“

Unglaublich, was er doch für ein Idiot war. Alles, was ich wollte, war ihn kennen zu lernen. Daraus entwickelte sich ein Drama mit mehreren Aufzügen, bis der endgültige Cut kam. Von ihm, dann von mir. Das Gute: ich würde ihm nie wieder über den Weg laufen. Selbst wenn ich wollte. Es ginge nicht. Das beruhigte. Ein Wiedersehen wäre peinlich geworden. Nicht nach dieser Geschichte. Nicht nach diesem Chaos.

„Meintest du letztes Mal nicht, dass er immer so schüchtern wirkte und sich geschmeichelt gefühlt hat, als du ihn kennen lernen wolltest?“

Tatsächlich war seine erste Reaktion die beste, die ich hätte erwarten können. Kein dummer Kommentar, nur ein nettes Lächeln. Ich gab ihm meine Nummer. Er solle sich melden. Ich war mir sicher, dass es sich bei ihm lohnte, aus dem Schneckenhaus zu kriechen. Das dachte ich dann auch zwei Wochen lang. Ich war nicht böse, dass keine Nachricht kam. Er wirkte ja nett, am Anfang.

„Das dachte ich tatsächlich auch! Aber von nichts auf jetzt verhielt er sich plötzlich total pubertär!“

Ich war mir so sicher gewesen, dass er anders als die anderen Mittzwanziger war. Ich hatte gehofft, dass er vielleicht etwas mehr Köpfchen besaß, dass er nicht gleich kalte Füße bekommen würde, wenn er nur einen Hauch spürte, dass ich nicht nur auf eine einmalige Geschichte hinauswollte. Er sah doch so danach aus. Meine Menschenkenntnisse hatten mich in dem Moment aber komplett getäuscht. Er war exakt so. Alles, was ich wollte, war ihn kennen zu lernen, nicht zu heiraten. Das war ihm anscheinend schon zuviel. Schon die Tatsache, dass wir nicht in der gleichen Stadt, geschweige denn im gleichen Land waren, reichte ihm, um die Biege zu machen.

„Ist es denn möglich, dass du einfach zu forsch an die Sache herangegangen bist?“

Tatsächlich stellte ich mir diese Frage mehrere Male, doch jedes Mal war mir klar, dass es nicht der Fall war. Nur die Nummer, nur gesagt, er wäre sympathisch, das war alles. Nicht mehr, nicht weniger. Das war anscheinend schon zuviel.

„Die andere Möglichkeit wäre, dass er als Erasmus-Student nur an Feiern, Alkohol und flüchtigen Bekanntschaften interessiert war. Sechs Monate die Sau rauslassen, bevor es dann wieder ins gewohnte Leben zurückgeht!“

Mit dieser Vermutung gab ich ihr recht. Mir waren nicht die unzähligen Partybilder aufgefallen, der Alkohol, die Mädels, die regelrecht an ihm klebten. Er wirkte so unschuldig, auf den ersten Blick, und doch war er das genaue Gegenteil. Die Art Typ, um die ich immer einen großen Bogen zog. Sein Äußeres täuschte. Die anfänglich sympathische Seite auch. Er war anders, so ganz anders. Was ich da sah, gefiel mir überhaupt nicht. Das machte die Sache wahrscheinlich weniger schmerzhaft, lindernde die Enttäuschung aber nicht vollkommen.

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