Lifestyle

Zwei Stunden im Kurs einer französischen Universität

2014 (222)

Pünktlich fünfzehn Minuten vor Kursbeginn treffe ich vor dem Raum ein. Manchmal sind es auch zwanzig, manchmal nur zehn. Auf alle Fälle bin ich etwas früher da. Lieber ein paar Minuten zu früh als den Kurs zu spät zu stören. Denke ich mir. Gut ich bin tatsächlich die einzige, die da ist. Die anderen kommen immer kurz vor knapp. Gut, ich finde, dass es kurz vor knapp ist. Eigentlich sind sie pünktlich. Irgendwann taucht dann der Professor auf. Manchmal pünktlich, aber eigentlich immer zu spät. Dann beginnt der Kurs.

Es vergehen 10 bis 15 Minuten bis jeder einen Platz gefunden hat, die Sachen ausgepackt und die Unterhaltungen beendet sind. Mehrfach verschwindet der Dozent noch einmal, weil er irgendwas vergessen hat. Manchmal wird auch erst später angefangen, weil zu wenig Leute pünktlich sind. Dann wird gewartet. Auf die Studenten. Nicht auf den Dozent. Nein. Auf die Studenten. Igendwann kann es dann aber wirklich losgehen. Es dauert  nur ein paar Minuten, dann klopft es das erste Mal an der Tür. Der erste, der zu spät kommt. Also, noch viel später. Die erste Unterbrechung. Dann geht es wieder weiter. Manche Dozenten achten darauf, anderen ist es egal.

Den Kurs in einer internationalen Gruppe kann man sich so vorstellen: entweder stellt der Lehrer eine Frage und keiner meldet sich oder er stellt eine Frage und es werden einfach irgendwelche Worte in den Raum geschmissen oder der Dozent stellt eine Frage und beantwortet sie gleich selber. Das nennen Sie hier mehr oder weniger Seminar. Auf alle Fälle lässt keiner den anderen ausreden. Sätze werden meistens auch nicht ausformuliert. Meistens sind es einfach nur rein geschmissen Worte.  Wenn man es jedoch mit einer Vorlesung zu tun hat, sitzt man da, ungefähr die ganzen zwei Stunden und soll jeden Wortlaut des Lehrers aufschreiben. Der Lehrer diktiert sogar, wann man mitschreiben, welche wichtigen Punkte man herausheben und was man unterstreichen soll. Schule eben. Am Anfang habe ich so weiter gemacht, wie ich das auch an meiner Uni getan habe. Ich habe meine eigene Überschriften benutzt, Stichpunkte aufgeschrieben und nur das Wichtigste zusammengefasst. Blöderweise schauen die Dozenten in euren Unterlagen nach, was ihr tut. Schließlich wollen sie, dass man für die Abfrage in der nächsten Stunde bereit ist.

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Weiter zum Kurs: Es sind wieder ein paar Minuten vergangen, eine halbe oder dreiviertel Stunde. Dann klopft es wieder. Der nächste zu spät. Manche Dozenten reagieren dann etwas verärgert, aber die meisten haben schon aufgehört überhaupt irgendwas darüber zu sagen. Auffällig ist, dass es immer die gleichen Nationalitäten sind, die so extrem zu spät kommen, und immer die gleichen, die über diese Unverschämtheit den Kopf schütteln: nämlich die Deutschen und die Engländer. (man bemerke: diese Verspätungen sind meist um 8.30, also zur ersten Stunde des Tages. Es liegt also an keinem vorherigen Kurs)

Nach einer Stunde folgt in den Vorlesungen eine kleine Pause. In den Seminaren nicht. Nur wenn das Seminar vier volle Stunden geht. Die Konzentration ist in der zweiten Hälfte des Kurses meistens deutlich angeschlagen. Zwei Stunden Kurs ist schon nervenzerrend. Vier erst recht. Wurde schon in der ersten Hälfte nicht mitgearbeitet, dann in der zweiten erst recht nicht. Das Gute ist, dass Dozenten pünktlich auf die Minute aufhören. Kaum überziehen. Dummerweise fängt der nächste Kurs zur gleichen Zeit an, wie der andere aufhört. Das bedeutet: Ende 10.30, Anfang 10.30. Nicht zu vergessen: Die Kurse liegen auf dem Campus verstreut. Früher gehen ist verboten. Verspäten ist daher normal und trotzalledem auch nicht gern gesehen. Zum Thema Logik. Geht man dann nach Hause, heißt es, Hausaufgaben machen. Meistens tu ich das, aber immer erst am Morgen vor dem Kurs. An das Schulsystem kann ich mich eben nicht gewöhnen.

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