Geschichten

Dann stapfte ich los. Er verabschiedete sich nicht. Wir gingen getrennte Wege.

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Ich hatte es mir auf der kleinen Mauer gemütlich gemacht. Zu den anderen. In der Mitte von uns standen unzählige Bierflasche und Snacks. Jeder hatte was mitgebracht. Es sollte ein entspanntes Picknick werden. Mein letztes Picknick in Frankreich. Mit ein paar Freunden, mit ein paar Freundesfreunden, mit guten Getränken, gutem Essen, guter Musik und gutem Wetter. Den ganzen Tag hatte die Sonne die Erde aufgeheizt. Selbst jetzt am Abend war es noch angenehm warm. Nun saßen wir also alle in einer netten Runde zusammen und sprachen in mehreren Sprachen durcheinander. Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch. Es sollte das letzte Mal sein, wo ich einige von ihnen sehen würde. Manche wohnten am anderen Ende der Welt. Manche nur ein paar Landesgrenzen hinweg. Auf alle Fälle woanders.

Sein Auftauchen hatte ich erst durch die Reaktionen der anderen bemerkt. Vor allem durch die Gesichtsausdrücke meiner Freundinnen, die erst zu ihm, dann schlagartig zu mir sahen. Erst hörte ich seine unverwechselbare Stimme. Als er dann die Runde umkreiste und sich gegenüber von mir niederließ, sah ich ihn dann auch. Freute ich mich vor ein paar Wochen noch bei seinem Anblick, bemühte ich mich dieses Mal nur schwerlich um ein Lächeln. Ich fühlte mich sogar ziemlich unbehaglich in seiner Anwesenheit, und vor allem seinem Blick auf mir. Wären da nicht mein verletztes Bein und die nervigen Krücken, wäre ich wahrscheinlich schon längst geflüchtet. Stattdessen saß ich hier fest. Ich wusste, dass ich die ganze Situation maßlos dramatisierte. Nichtsdestotrotz spürte ich den Scham deutlich in meiner Bauchhöhle. Denn er wusste, wie ich empfand. Ich bei ihm hingegen nicht. Obwohl keine Antwort auch eine war, oder? Ich schnappte mir ein erneutes Bier. Wenn ich nicht von dieser Situation rennen konnte, dann wenigstens seinem Blick. Den ganzen Abend lang sprachen wir kein einziges Mal. Er betrachtete mich, ich vergnügte mich mit den Getränken. Ich brauchte das. Ohne würden mich die Gefühle überwältigen. Nicht nur der heutige Abschied. Auch die Wut auf ihn.

Die Zeit verging wie im Flug. Es war Zeit für mich aufzubrechen. Es war 22h. Jetzt musste den Aufzug nehmen, später würde er abgeschaltet werden. Es war Nachtruhe. 22h bedeutete, ein letztes Mal meine Freunde in den Arm nehmen und auf ein baldiges Wiedersehen hoffen. Eine Freundin half mir auf. Es war alles andere als grazil. Es sah bescheuert aus. Alleine wäre es unmöglich gewesen. Sein Blick wieder auf mir. Ich ignorierte das. Nacheinander verabschiedete ich mich von den anderen. Ich unterdrückte meine Gefühle. Nicht weinen, dachte ich mir. Dann stapfte ich los. Er verabschiedete sich nicht. Wir gingen getrennte Wege.

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