Geschichten

Ich musste wieder auf die Beine kommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Dann erst könnte ich in das Flugzeug steigen. (…) Wenn es dann nicht schon zu spät war…

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„Bist du noch in Toulouse?¨

Mit seiner Sms hatte ich nicht mehr gerechnet. Ich hatte ihm meine Nummer gegeben, hatte Tage lang auf eine Antwort gewartet, war mir sicher, es wäre umsonst gewesen. Hatte ich mir geschworen, es endlich zu wagen, selber aktiv zu werden – schließlich war mir die Zeit davongerannt – durchkreuzte mein Unfall meine Pläne. Wochenlang hatte ich mir Mut zugeredet, hatte ich mit Freunden darüber gesprochen. Ich war bereit, ich wollte es angehen. Ich wusste, dass ich noch zwei Monate hier hatte. Zwei Monate, die ich nutzen wollte. Dann der Unfall, dann die Horrornachricht, dann der Entschluss, meinen Aufenthalt abzubrechen. Wochen des Unwissens, der Tränen und der Entscheidungen. Der Unfall entschied, dass ich auch ihn nicht mehr wieder sehen sollte. Erst gab ich mich geschlagen, dann wollte ich es nicht so hinnehmen. Ich setzte alles auf eine Karte, wollte meine letzten Tag noch ausnutzen. Klappte es nicht, würde ich ihn nie wiedersehen. Klappte es,…

„Ja, ich bin noch bis morgen hier!“ „Sehen wir uns noch vor deiner Abreise?“ „Sehr gerne! Ich bin nur nicht besonders mobil!“

Hektisch suchte ich mir meine Klamotten zusammen, bevor ich mein Zimmer mit Krücken verließ. Der Treffpunkt war nicht besonders weit. Eine Parkbank versteckt unter ein paar Bäumen. Bis hierhin würde ich es schaffen, hier könnten wir uns unterhalten, hier könnten wir uns nach langer Zeit wiedersehen. Je näher ich dem verabredeten Ort kam, desto heftiger pulsierte mein Herz. Vermutlich war das Laufen Grund dafür. Vielleicht war es aber auch dem Moment geschuldet, als ich ihn da auf der Parkbank entdeckte. Sein Blick war auf seine Hände gerichtet, mit denen er nervös spielte. Er wirkte wie immer schüchtern, wie immer so unglaublich süß. Es dauerte eine Weile, bis er aufblickte und mich entdeckte. Sofort sprang er auf und sah mich wie immer mit seinem wunderschönen, offenen Lächeln an. Ich näherte mich, setzte mich hin, er nahm mir die Krücken ab und lehnte sie an die Bank. Dann ließ er sich ebenfalls nieder.

„Wie geht’s dir?“ „Den Umständen entsprechend!“ „Du fährst morgen?“ Ich nickte.

Stille kehrte ein. Er sprach nicht, ich sprach nicht. Er sah wieder hinunter zu seinen Händen. Keiner von uns wusste, was er sagen sollte. Kein Wunder. Unser Timing war mehr als schlecht. Nur einige Wochen zuvor sahen wir uns nach einer etlichen Weile wieder. Ihn näher kennen zu lernen schob ich Tag für Tag vor mir her. Ich dachte, ich hätte Zeit. Dann kam der Unfall. Jetzt saß er hier neben mir. Ein Tag vor meiner Abreise. Am nächsten Tag würde ich sehr früh das Land verlassen. Ich würde verschwinden, er würde wieder zurück in sein Land fliegen. Ob wir uns wieder sehen würde: unsicher.

„Wie wird es weiter gehen?“ „Ich fahre nach Hause und werde erst einmal wieder gesund. Nach meiner Operation und der Physiotherapie sehe ich dann weiter! Auf alle Fälle muss ich jetzt erst wieder laufen können!“ Er nickte. 

Ich wusste, dass es nicht die Antwort war, die er erwartet hatte. Aber mehr konnte ich dazu einfach nicht sagen. Bis jetzt waren mir selber noch die nächsten Monate ungewiss. Operation, Physiotherapie. Keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Keine Ahnung, wie lange das ganze dauern würde, bis ich wieder mobil war. Jetzt war es nur wichtig, wieder auf die Beine zu kommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Dann würde ich alles weitere entscheiden, dann würde ich alles weitere planen. Dann erst könnte ich in das Flugzeug, dann könnte ich erst den Zug steigen. Wenn es dann nicht schon zu spät war…

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