Geschichten

Ich verlor meinen Verstand, meine französische Sprache, und einen weiteren Moment mit ihm. Das ist doch fast schon unmöglich!

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Da stand ich also am Aufzug. Wartend. Mit Krüken. Ich wollte nur in mein Stockwerk zurück. Früher hatte ich nie Zeit auf anderen Etagen verbracht. Das änderte sich. Mit dem Unfall. Er änderte einiges. Nicht alles wurde dadurch schlimm. Also stand ich nun da, in einer anderen Etage und wartete. Kurz zuvor hatte ich das gleiche getan, stieg zu dem jungen Mann in den Aufzug ein, ohne zu merken, wohin er doch fuhr. Er fuhr nicht nach oben. Er fuhr nach unten. Verdammt. Raushumpeln war nicht mehr mögich. Also ging es für mich mit ihm in den Erdgeschoss, um dann wieder nach oben zu kommen. Wunderbar.

Jetzt wartete ich wieder hier. Wieder sollte es nach oben gehen. Dieses Mal achtete ich aber tatsächlich auf die Fahrtrichtung. Ich wollte nicht schon wieder ewig im Aufzug stecken bleiben. Es war ja nicht so, dass ich ewig auf einem Bein stehen bleiben konnte. Das Gegenteil war der Fall. Mein nicht-verletztes Bein meldete sich. Es hatte genug von dem doppelten Gewicht, das sein Freund normalerweise zum Teil übernommen hätte. War jetzt nicht mehr möglich. Es war zuviel für den Gesunden. Dann tauchte endlich der Aufzug auf. Ich wollte mich gerade bereit machen um hineinzugehen. Als sich dann aber die Tür öffnete, schweifte mein Blick erst zur der gedrückten Zahl, bevor ich mich an die zwei jungen Männer wandte, die sich im Aufzug befanden. Sofort trafen sich unsere Blicke. Seiner erst auf mein Bein, dann in mein Gesicht. Da war er endlich wieder. Nach Wochen. Wochenlang haben wir uns nicht mehr gesehen. Die Treffen wurden rar und noch überraschender als zuvor. Mir verschlug es die Sprache. Er schob seine Sporttasche weiter in den Aufzug hinein, machte mir Platz. Aus meinem Mund huschte aber nur ein ¨Ah, non!¨. Ich tat einen Schritt zurück. Sie würden nach unten fahren. Nicht schon wieder. ¨Non?¨ Er wirkte überrascht. Ich fand keinen sinnvollen Satz in meinem Kopf. Lächelte aber. Dann: ¨Non…je…!¨ und zeigte mit dem einen Finger in der Krücke nach oben. Unsere Blicke waren aufeinandergeheftet, als sich die Tür schloss. Er verschwand. Ich blieb hier. Wartete, bevor ich den Knopf noch einmal drückte. Minuten später durfte dann auch ich endlich in den leeren Aufzug einsteigen, nach oben fahren. Dann kam mir Gedanke: Warum war ich nicht in den Aufzug zu ihm gestiegen? Wir hätten vielleicht endlich ein Gesprächsthema gehabt, vielleicht hätte er mich über mein Bein ausgefragt. Wir hätten miteinander reden können. Das erste Mal nach Monaten. Doch ich war wie erstarrt. Ich verlor meinen Verstand, meine französische Sprache, und einen weiteren Moment mit ihm. Das ist doch fast schon unmöglich!

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