Geschichten

Was wäre, wenn er…

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Es war ein Tag wie jeder andere auch. Langsam fielen mir wie immer die Augen fast zu. Vier Stunden Französisch. Davon mehrere Vorträge und ein großes Wirrwarr, wenn es um Mitarbeit ging. Alles nachmittags, alles dann, während draußen wunderschönes Wetter war. In diesem Moment wollte ich einfach nur noch nach Hause. Dann endlich eine neue Aufgabe: Gruppenarbeit. So schnell wie diese Aufgabe jedoch kam, so schnell war unsere Gruppe auch damit fertig. Wir hatten nichts mehr zu tun, ich hatte nichts mehr zu tun. Mein Blick schweifte durch die Klasse. Aus Langeweile. Dann blieb mein Blick auf einmal auf ihm hängen. Ungewollt. Irgendwie. Er war mir schon Wochen zuvor aufgefallen. Zufällig. Eigentlich immer dadurch, dass ich in meinem Blickwinkel erhaschen konnte, dass sein Blick zu mir gerichtet war. Oder vielleicht auch nicht? Ich wusste eigentlich nicht genau, was ich da tatsächlich mitbekam: Blickte er mich an, schaute er aus dem Fenster, beobachtete er jemand anderes? Egal was nun der Fall war: es machte mich nervös, er machte mich nervös, sehr nervös sogar. Jetzt war er in seine Arbeit vertieft, schaute aber auf, als er meinen Blick bemerkt hatte. Wir schauten uns an. Länger als sonst. Aber ohne zu lächeln. Das war’s. Dann sah ich wieder weg und entschied, mich in Richtung Toilette aufzumachen. Ich musste meine Beine vertreten, sie waren wie mein ganzer Körper eingeschlafen. Also quetschte ich mich durch die Reihen und verließ den Raum. Auf dem Weg zur Toilette kam mir ein seltsamer Gedanke: Was wäre, wenn er nun zur gleichen Zeit den Raum verlassen würde, wir uns das erste Mal auf dem Flur alleine träfen? Würden wir dann endlich mal ein Gesprach miteinander führen konnen? Es war nie zustandegekommen, denn er war immer in derselben Gruppe. Sich dazugesellen ging nicht. Ich schüttelte den Gedanken ab. Alles Quatsch. Ich bildete mir alles nur ein. Er würde hier jetzt nicht auftauchen.

Ich erreichte die Toilette, nachdem ich mir viel zu viel Zeit bis dahin gelassen hatte, verschwand in den Raum, richtete meine Haare, wischte die verschmierte Wimperntusche weg, wusch die Hände. Bevor ich zwieder den Raum verließ, warf ich noch einen letzten Blick in den Spiegel. Ich hatte genug Zeit vergeudet, nun sollte ich wieder zurück in den Kurs gehen. Ich wandte mich daher zum Ausgang und hatte ihn gerade passiert, als ich plötzlich die Tür der Männertoilette neben mir hörte. In allen Fällen hätte es mich nicht interessiert, doch dieses Mal riss es mich aus meiner Gedankenwelt heraus, aus den Gedanken an ihn. Seine braunen Augen, seine braunen, kurzen Haare. Er war niedlich. Ausgesprochen niedlich sogar. Wie konnte es nur möglich sein, dass er jetzt unbedingt in meinem Kopf wütete? Vor ein paar Minuten, vor ein paar Tagen tat er es noch nicht. Jetzt auf einmal schon. Wie war das möglich?

Doch bevor ich meine Gedanken zu Ende denken konnte, unterbrach mich die Person neben mir mit ihrem Auftauchen, unterbrach er mich auf einmal. Plötzlich stand er da. Gleich neben mir. Voller Überraschung riss ich meine Augen auf. Verdammt. Was machte er denn jetzt hier? Dann dämmerte es mir. Er hatte den Raum verlassen, kurz nach mir, war mir gefolgt, mehr oder weniger. Jetzt standen wir uns gegenüber, hatten endlich die Möglichkeit miteinander zu reden. Er war allein, nicht wie immer in seiner üblichen Gruppe. Dann überkam mich Panik. Was sollte ich sagen? Irgendwas. Doch mein Kopf war wie leer gefegt. Mir verschlug es die Sprache. Ich starrte ihn nur an, sagte kein Wort. Dann wandte ich mich von ihm ab und stolperte den Flur zurück zum Kurs. Ich lächelte, war aber gleichermaßen schrecklich überfordert. Mein Verstand setzte aus. Dann betrat ich den Kursraum und setzte mich wieder auf meinen Platz. Er tauchte erst nach einer ganzen Weile auf…

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