Geschichten

Jetzt standen wir also zu dritt in diesem kleinen Aufzug. Toll.

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Man grüßt sich hier. Schließlich lebt man nicht nur im gleichen Wohnheim, sondern auch im gleichen Gebäude. Bonjour, Au revoir, Bonne soirée. Alles ganz normal. Wir sind Nachbarn. Wir kennen uns vom Sehen. So entgeht man wenigstens ein Stück der kompletten Anonymität. Daher wunderte mich also es überhaupt nicht, als ich da vor dem Aufzug stand, wartete und hinter mir die Tür auf- und zugehen hörte. Jemand gesellte sich neben mich. Ich wandte mich zu ihm. Ich kannte ihn. Ab und zu waren wir uns schon über den Weg gelaufen. Es war immer das gleiche gewesen: Ich schaute ihn an, er ignorierte mich. Kein Bonjour, kein Au revoir. Er war mir irgendwie nie wirklich sympatisch gewesen. Hübsch war er, aber unsympathisch. Schwarze Haare, grüne Augen. Statt also wie immer zu grüßen, wandte ich mich wieder von ihm ab. Er war mir zwar Tage zuvor schon mal entgegen gekommen, hatte mich angelächelt, das war’s dann aber auch schon. Keine Ahnung, was das auf einmal sollte, aber es war mir egal. Nun standen wir also beide da und warteten auf den blöden Aufzug, der wieder einmal in jedem Stockwerk hielt. Wahrscheinlich stieg wieder überhaupt keiner ein. Gar nicht nervig. Ich wartete also. „Bonjour!“ Das Wort von ihm neben mir kam überraschend. Ich hatte schon gemerkt, dass er sich mir zugewandt hatte, wollte das aber einfach ignorieren. Jetzt wollte auch ich mal die Ignorante sein. Konnte ich auch. „Bonjour!“, gab ich zurück, mit einem eher kühlen Lächeln. Vielleicht auch etwas zu kühl.

„Je suis F.!“ Okay, das war mehr als nur bloßes Grüßen. Ich nannte meinen Namen. „Enchanté!“ Ich nickte. Er wollte tatsächlich eine Unterhaltung anfangen. „Étudies-tu aussi?“ Studierst du auch. Wir standen in einem Studentenwohnheim. Ich antwortete trotzdem. „Oui, mais je suis une étudiante étrangère! Et toi?“ Ja, aber ich bin eine Auslandsstudentin. 

So begann unsere erste Unterhaltung. Ich empfand die Situation als seltsam, doch mit der Zeit – damit meine ich ein paar Sekunden – taute ich dann doch ein Stück auf. Endlich sprang der Aufzug auf, drei Studenten stiegen aus, wir hinein. Er drückte den Knopf seines Stocks, ich meinen. Kurze Gesprächspause. Gerade wollte sich die Tür des Aufzugs schließen, als sich noch jemand dazwischen schmiss. Die Tür hielt an, ging wieder auf. Da stand er plötzlich vor mir. Er. Der aus dem Bus. Timing war weder meine noch seine Stärke. Jetzt schwang er sich in den Aufzug. Es folgte ein Lächeln und ein Bonjour in meine, dann in F.s Richtung. Er drückte den Knopf seines Stockwerks, die Tür schloss sich. Jetzt standen wir also zu dritt in diesem kleinen Aufzug. Toll.

F.s Blick auf mir, sein Blick auf mir. Ich spürte schon wie die Röte in mein Gesicht stieg. Dann nahm F. wieder das Gespräch auf. Wir waren schließlich vom Aufzug gestört worden. Meine vorherige Gelassenheit hatte sich jetzt verabschiedet. Mir war seine Reaktion nicht entgangen. Er schaute mich an, er schaute F. an. Spannung lag in der Luft. Wahrscheinlich bildete ich die mir aber auch nur ein. Es war ein komisches Gefühl mit den beiden hier zu stehen. Es gab tausend angenehmere Dinge. Das nächste Mal nehme ich die Treppe, schoss es mir durch den Kopf. Dann erreichten wir endlich mein Stockwerk. Ich war die erste, die aussteigen musste. Welch Glück! Die Tür sprang auf. „A bientôt!“ Es klang eher wie eine Frage von F. „A bientôt!“, lächelte ich ihn an. Kurz erhaschte ich noch einen Blick von ihm, der stumm blieb. Kein Au revoir von mir, keins von ihm. Also stolperte ich aus dem Aufzug hinaus, nahm die nächste Ecke und war der Situation entkommen.

Bild: Narbonne

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