Geschichten

War er nur Projektion ihrer Fantasie?

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Sie hatte sich zu den anderen in der Küche gesellt, sich in die Unterhaltung eingeklinkt. Sie lachte. Die Einladung für die Feier hatte sie mit großer Freude angenommen. Sie hatte zu viele Freitagabende in ihrem Leben zuhause alleine verbracht. Das vorgeschlagene Essen klang nach einer willkommenen Abwechslung. Sie nahm einen Schluck aus ihrem Weinglas. Ihre Wangen glühten von der warmen Luft drinnen und dem Alkohol, der ihr in den Kopf stieg. Viel hatte sie nicht, ihr Kopf brannte trotzdem. Kurz wandte sie sich nun von ihren Gesprächspartnern ab, blickte aus dem Fenster hinaus. Draußen war es bereits dunkel. Nur die Laterne auf der anderen Straßenseite erhellte die Dunkelheit.

Da entdeckte sie die Person, die sich in diesem Schein der Dunkelheit aufhielt und sie betrachtete. Sie musste kurz wegblicken und sich über die Augen streichen, bevor sie noch einmal hinaussah. Erst dachte sie, dass ihr der Alkohol doch etwas zu sehr in den Kopf benebelte, doch auch beim zweiten Mal hinsehen stand er dort draußen, Hände in der Hosentasche, Lederjacke, Strickmütze, schicke Schuhe. Er schaute aus wie immer. Doch was machte er hier, und vor allem, woher wusste er, dass sie hier war? Wie auch immer. Er stand hier und betrachtete sie. Sie wandte sich nun vom Fenster und ihren Gesprächspartnern ab, stellte beim Verlassen der Küche das Weinglas beiseite und steuerte den Ausgang an. Ohne Erklärung ging sie schnellen Schrittes nach draußen. Sie wollte zu ihm. Sie wollte den Grund für sein Auftauchen wissen. Sie wollte wissen, warum er nach so langer Zeit wieder da war. In diesem Moment zählte nichts außer genau diese Fragen. Sie trat hinaus in den lauwarmen Sommerabend, steuerte den Platz an, an dem sie ihn kurz zuvor gesehen hatte. Doch als sie dort auftauchte, war er verschwunden. Sie drehte sich im Kreis, blickte in alle Richtungen, doch er war nirgends mehr zu finden. Verschwunden. Sie war die einzige, die sich hier in der Dunkelheit befand. Keine Menschenseele war hier. Stille. In der Ferne vereinzelt das Rauschen von Autos, das Rascheln der Bäume. Sonst war da nichts. Sie war allein. Doch wo war er? War er es überhaupt? War er hier? Wegen ihr? Warum war er gegangen? Oder hatte sie sich alles eingebildet? War er nur Projektion ihrer Fantasie? Sie ging zurück ins Haus.

Bild: Narbonne

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