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Un jour à Barcelone

Endlich hielt der Bus an. Sie hatte genug von dem ewigen Sitzen. Fünf Stunden. Fünf Stunden war sie bereits unterwegs, fuhr am Mittelmeer entlang, oder sie ahnte eher, dass sie es tat. Es war bereits zu dunkel, um irgendetwas noch in der Landschaft ausmachen zu können. Erst als sie sich Barcelona näherte, wurden die Landschaften heller, bis ein Meer an Lichtern sie überwältigte. Der Busfahrer erhöhte sein Tempo, als sie die ersten Häuser der Stadt passierten. Anscheinend wollte auch er endlich ankommen. Wären ihre Augen vor ein paar Minuten noch fast zugefallen, es war schließlich eine Stunde vor Mitternacht, war sie jetzt hellwach. Nicht nur, weil der Bus hin und her ruckelte, sondern auch, weil die ganzen Lichter sie überwältigten. Endlich hatte sie die Stadt erreicht. Endlich konnte sie den Bus verlassen. Sie saß bereits zu lange.

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Der Tag musste gut geplant sein, um so viel wie möglich in der kürzesten Zeit zu schaffen. So stapfte sie dann auch schon los, hinweg über die Via Laietana, um dann in die Passeig de Graciá zu biegen. Das Ziel war festgesteckt. Sie passierte teure Läden, sie passierte Zara, sie lief an H&M vorbei. Nichts davon interessierte sie. Shoppen konnte sie auch in Toulouse. Ihr Ziel war die Casa Batlló von Antoni Gaudi. Sie war extra früh aufgestanden, um all den Menschenmassen, die sich später davor tummeln würden, zu entrinnen. Sie wollte ein paar Fotos schießen, ohne irgendwelche Gesichter, Selfiesticks oder andere Körperteile im Bild zu haben. Irgendwann erkannte sie von weitem das wundervolle Gebäude, dass sie sich schon mehrere Male im Internet angesehen und immer wieder davon geträumt hatte, eines Tages davor zu stehen. Ihr Traum wurde endlich wahr, als sie sich vor das fünfstöckige Gebäude stellte und immer weiter einen Schritt nach hinten tat, um das ganze Gebäude auf ein Bild zu bekommen. Dann nahm sie sich Zeit die Realität zu betrachten. Die grünen, orangenen, blauen Blumen, die ab dem dritten Stockwerk auf die Wand gemalt waren. Die unregelmäßig eiförmigen Fenster des ersten Stockwerks, die von skelettförmigen Pfeilern geteilt waren. Die farbigen Muster der Glasflächen an den Fenstern. Sie betrachtete die Formen und Farben. Die Casa Battló wirkte weich, wirkte, nicht steif, verspielt. Es war einmalig, einzigartig, schöner, als sie es sich in ihren kühnsten Träume ausmalen hätte können.
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Irgendwann erreichte sie die Kreuzung der Passeig de Gracia mit der Carrer de Provenca. Da war sie: die Casa Milá mit ihrer welligen, sandsteinfarbigen Fassade und den aus Metal bestehenden Verzierungen der hervorstehenden Balustraden. Auf dem Gebäude thronten Statuen, unbeschreibliche Formen aus Stein, kaum von unten erkennbar. Waren es Gestalten, oder waren es nur aufeinandergestellte Steinbrocken? Es blieb wohl ein Rätsel.

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Als die Sagrada Familia vor ihr auftauchte, war sie schon im ersten Moment mehr als nur überwältigt. Alle umherstehenden Gebäude wirkten wie mickrige Puppenhäuser. Sie ragte soweit hoch in den Himmel. Sie war unverkennbar. Unverkennbar schön. I. stand vor der Passionsfassade. Sechs schiefe Stützen ragten hinauf in die Höhe, hielten ein dreieckiges Vordach, auf dem weitere, knochenartige weiße Stützen standen. Sie trugen die Inschrift „Jesus Nazarenus Rex Iudӕorum“. Über dem Vordach erstreckten sich runde, sandsteinfarbene Türme. Sie wirkten wie Korallen. Auf ihnen befanden sich blumenförmige Gebilde. Sie umrundete die Kirche. Der Eingang war auf der anderen Seite.

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Sie war überwältigt von diesem Gebäude. Keine Kirche, die sie jemals gesehen hatte, glich ihr. Das hier war ein Kunstwerk. Ein Kunstwerk eines Visionärs, wahrscheinlich auch eines Verrückten. Ein Genie. Ihre Eintrittskarte hatte sie schon Tage zuvor im Internet gebucht. Früh um neun mit der Hoffnung nach Tickets dort aufzutauchen, wurde als nutzlos beschrieben. Schon zu der Zeit würden alle Karten vergeben sein. Tage zuvor sie auf der offiziell spanischen Seite zu buchen war die beste Idee. Sie passierte die Kontrolleure, näherte sich den Portalen. Wow. Sie trat hinein. Vorbei an den plastischen efeubezogenen Türen, hinein in den Säulenwald.

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Ihr Blick schweifte hinauf zur Decke, dort, wo die Kronen der Säulenstämme zusammenfanden. Zwischen ihnen fiel Sonnenlicht hindurch. Wie in einem wirklichen Urwald. Nun von dem abgesehen war die Sagrada Familia allgemein von Licht durchflutet. Sie wirkte nicht erdrückend, wie es Kirchen sonst immer taten. Hier wurde das Sonnenlicht willkommen geheißen. Ihr Blick schweifte nun zu dem Altar. Er zog durch seine Helligkeit alle Blicke auf sich. Insbesondere durch das hell erleuchtete Dach über dem Kreuz, an dem nicht nur Lichter, sondern auch Weintrauben hangen. Ähnliches hatte sie nie zuvor gesehen…

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(Die Textstellen sind Auszüge meines unfertigen, entwurfartigen Roman „Tudo passa“)

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