Geschichten

Ein Lächeln huscht über seine Lippen. Ich schaue wieder weg. Scheiße. Nicht schon wieder. Warum taucht er immer in den ungünstigen Momenten auf?

dsc_0039Ich bin genervt. Einmal nehme ich meinen Regenschirm nicht mit, schon muss es regnen. Meine Regenjacke ist nicht regenfest. Ironie des Schicksals. Ich stapfe also mit meinen vollen Einkaufstüten zur Bushaltestelle. Wenigstens kommt hier alle paar Minuten ein passender Bus. Ich bin komplett durchgenässt, vom Schweiß und vom Regen. Warum müssen Geschäfte ihre Heizungen eigentlich immer so aufdrehen?  Reicht Stufe 2 nicht? Muss es immer 5 sein? Wer will da schon shoppen gehen? Drinnen viel zu heiß, draußen viel zu nass. Gerade will ich jetzt einfach nur noch heim. Heim, unter die heiße Dusche, in den dicksten Pulli und ins Bett. Kann ich mir heute leisten. Freier Tag, keine Uni. Ich stelle mich also an die Haltestelle, lasse meine schweren Taschen kurz sinken. Nicht lange. Ich will ja nicht, dass die Papiertüten vom nassen Boden durchgeweicht werden. Ich hebe sie wieder auf. Dann trete ich kurz näher an die Straße heran, schau kurz mal, ob ich den Bus schon sehen kann. Ich kann mit den schweren Taschen kaum schnell genug agieren. Ein Bus kommt herangebraust. Er ist so nah an der Haltestelle. Abstandhalten hält er für unnötig, langsamer fahren auch. Auch nicht wegen der großen Pfütze auf dem Boden. Ist ihm egal. Ich will noch einen Satz nach hinten machen. Ich schaff’s nicht rechtzeitig und sehe schon, wie Wasser und Dreck in die Höhe spritzen. Mein Reflex schläft in dem Moment ganz schön. Erst langsam kann ich nach hinten springen und mich wegwenden. Bringt nichts. Das Wasser und der Dreck kleben auf mir und meiner Hose. Hinter mir die Stimme eines Mädchens: „C’est un blague!“ –Das ist doch ein Witz, oder? Seh ich auch. Denn ich bin die einzige, die nass geworden ist. Alle anderen waren weit genug weg. Jetzt kommt zu dem Schweiß und dem Regen noch eine große Portion Dreck dazu. Ich könnte ausflippen. Nein. Atmen. Da kommt ja schon mein Bus. Gute Miene zum bösen Spiel. Ich steige ein. Versuche den Busfahrer anzulächeln, freundlich zu sein. Nein. Ich koche, steige ein, lass meine schweren Einkäufe sinken. Der Bus ist aufs Äußerste geheizt. Super. Der Schweiß kriecht mir wieder auf die Stirn. Scheiß Tag. Einfach nur noch heim. Ich lass meinen Blick durch den Bus schweifen. Einfach so. Ich kenne ja eh keinen…oh nein, verdammt. Da steht er plötzlich wieder. Mitten im Bus. Er blickt mich an. Ein Lächeln huscht über seine Lippen. Ich schaue wieder weg. Scheiße. Nicht schon wieder. Warum taucht er immer in den ungünstigen Momenten auf? Wenn ich nach dem Joggen mit hochrotem Kopf vorbeilaufe, wenn ich mit den gammligsten Klamotten waschen gehe, wenn ich mit tausenden Müllbeuteln in den Aufzug steige, wenn ich durchnässt und dreckig den Bus genervt betrete? Ich will seinen Blick nicht erwidern. Eigentlich schon. Aber in diesem Moment nicht. Wie ich ausschaue, hochroter Kopf, schweiß- und regennasse Haare, Dreck auf der Hose. Oh Gott. Ich will der Situation entrinnen, flüchte an unserer Haltestelle regelrecht aus dem Bus. Doch die Flucht ist letztendlich sinnlos: wir kommen beide zur gleichen Zeit beim Aufzug an. Die Tür springt auf. Das dumme Licht ist immer noch kaputt. Wir steigen also alle in den dunklen Kasten ein. Nun stehen wir beide eng nebeneinander hier in diesem Aufzug. Kurz nehme ich mir den Moment, ihn unbemerkt anzuschauen. Nur schwach lässt sich seine Silhouette ausmachen. Er schaut so verdammt gut aus. Ich sehe wieder weg. Dann legt sich sein Blick auf mich. Mein Herz fängt laut das Pochen an. Oh Gott. Ich warte sehnsüchtig, dass mein Stock auftaucht. So schnell war ich noch nie rausgestürmt. Ein „Au revoir“ von mir, ein „Au revoir“ von ihm. Dann bin ich weg. Bescheuerter Tag.

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