Geschichten

Jetzt, wo es soweit war, war alles, was sie fühlte, nichts. Er bedeutete ihr einfach nichts mehr…

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„Was machst du denn hier?“ Entgeistert starrte sie ihn an. Sie blinzelte mehrmals, um sich sicher zu gehen, dass sie keine Fata Morgana vor sich hatte. Nein. Er blieb vor ihr. Dann musste sie also langsam doch verrückt werden und Halluzinationen haben. Anders war es nicht zu erklären, anders war er nicht zu erklären. Es konnte ja unmöglich sein, dass er zurückgekehrt war und vor ihrem Haus stand. Niemals. Das war unmöglich. Schlichtweg unmöglich. „Können wir reden?“ Jetzt sprach die Halluzination. Sie ließ sich auf das Spiel ein. „Was gibt’s?“ Wäre er echt gewesen, wäre sie von seinem Auftauchen überhaupt nicht begeistert gewesen. Er hatte sich vor mehr als einem Jahr einfach aus dem Staub gemacht, mit ihrer Gewissheit, er war nicht interessiert. Vielleicht ein bisschen, aber die Umstände ließen es nicht zu. Sie schloss mit der Sache ab. Die ersten Wochen und Monate taten weh. Sie weinte die Nächte durch. Sie verstand die Welt nicht mehr. Aber sie rappelte sich auf. Musste sie. Sie verließ die alte Stadt, sie verließ das Land. Dort vergaß sie ihn. Er wurde zu einem Wort in ihrem Tagebuch, was ein paar Mal auftauchte, dann aber plötzlich verschwand. So wie er damals auch. Jetzt stand er, oder die Halluzination, vor ihr, und sie hatte überhaupt keine Lust darauf. Weder auf den einen, noch auf die andere. „Ich hab die letzten Wochen und Monate nachgedacht, und vor allem darauf gewartet, dass du aus Frankreich zurückkommst!“ Ein Aha entwich ihrem Mund. „Ich hab mich doch nicht geirrt, dass du damals mehr wolltest, oder?“ Eigentlich dachte sie, sie hätte das ganze etwas dezenter gestaltet. Fehlanzeige. „Ja, damals!“ Sie konnte es gar nicht abwarten, endlich in ihre Wohnung gehen zu können. Sechs Stunden Uni. Das schlauchte ganz schön. Vor allem bis abends. Sie wollte nach Hause, Klamotten loswerden, sich ins Bett schmeißen und einschlafen. Sie wollte keine Unterhaltung mit ihrer Fantasie führen. „Jetzt nicht mehr?“ Jetzt stieg sie dann doch in die Unterhaltung ein. Anders wäre sie aus der Sache sowieso nicht herausgekommen. „Ich verstehe nicht, was du jetzt für eine Antwort haben willst!“ Eigentlich wusste sie es, wollte es aber nicht wahrnehmen, sie wollte ihn nicht wahrhaben. Er war nicht da. Das wollte sie sich einreden. Er starrte sie mit seinen blauen Augen an. Er hatte sich einen Bart wachsen lassen. Als er ging, war dieser noch nicht so voll. Als er ging, sah er müde und erschöpft aus. Als er ging, brach er ihr das Herz. Die Wunden heilten. Ein Stück. Nicht vollständig. Sie wollte ihn hassen, konnte es aber nicht. Doch lieben tat sie ihn auch nicht mehr. Bei seinem Anblick hegte sie keinerlei Gefühle mehr für ihn. Den Mann vor ihr betrachtete sie nur mit Gleichgültigkeit. Sie hatte sich Monate lang vorgestellt, wie es sein würde, wenn er wieder vor ihr stand. Jetzt, wo es soweit war, war alles, was sie fühlte, nichts. Er bedeutete ihr einfach nichts mehr…

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