Geschichten

Er war aufs Äußerste besitzergreifend

img_20150902_190951Ich lernte ihn in einer Bar kennen. Wir kamen schnell ins Gespräch, denn er studierte Deutsch. Er suchte nach jemand, der ihm beim Deutschlernen half. Da ich mir nach meinem Studium eine Laufbahn als Lehrer vorstellen kann, fand ich diese Idee gar nicht mal so schlecht. Schließlich konnte ich mit ihm meine Französischkenntnisse verbessern. Die Sache sollte komplett platonisch bleiben. Wir tauschen also Nummer aus. Am nächsten Tag folgte schon die erste Nachricht von ihm: er fragte, ob ich Zeit hätte für einen Spaziergang. In mir klingelte jetzt schon eine Alarmglocke, sie war aber noch viel zu leise, um mich wirklich merklich aufhören zu lassen. Außerdem schrillte sie ständig, fast immer. Ich überhörte sie also einfach und ging mit ihm spazieren. Es war wirklich nett. Er war ein Gentlemen, wir unterhielten uns gut, er war aufmerksam, er brachte mir Oreo-Kekse mit. Alles war gut. Am Tag darauf sah ich ihn wieder, weil wir die gleiche Veranstaltung einer Organisation besuchten. Ich wusste also, dass ich ihn wieder sehen würde. Das Wiedersehen war mir dieses Mal aber irgendwie schon etwas unangenehm. Er erwartete, dass ich mit ihm den Markt durchstreifte, beim Picknick danach setzte er sich neben mich. Dann kam wieder die Frage: „Wann bist du denn morgen verfügbar?“ Von seiner Frage war ich dermaßen überrascht, dass ich ihn erst entgeistert anstarrte. „Morgen? Überhaupt nicht. Ich habe unter der Woche überhaupt keine Zeit!“ Jetzt wurde die Sache langsam eigenartig. Ich hatte ihn Freitag, Samstag  und Sonntag gesehen. Jetzt fragte er nach dem Montag. Seine Enttäuschung war deutlich zu merken. Die Sache war zum Glück fürs Erste gegessen. Bis sich bei mir am Abend das schlechte Gewissen einmischte und ihn um Verzeihung bat. Ich hätte es eindeutig lassen sollen. Ich schlug ihm den Dienstag vor. Dumme Idee. In der Nacht aber erwischte es mich heftig mit einer Erkältung sodass ich ihm absagen musste. Ich war zu krank, um überhaupt reden zu können. Verstand er nicht. Am Mittwoch ging es mir besser, aber es war immer noch nicht überstanden. Er wollte mich trotzdem sehen. Ich sagte ab. Meine Erkältung wurde immer schlimmer, aber er blieb hartnäckig. Wollte mich sehen. Wer in die Uni gehen kann, der kann ihm auch beim Deutschlernen helfen. Die Sache wurde immer skurriler. Der Höhepunkt folgte am folgenden Sonntag, nachdem ich mich eine Woche von ihm versucht habe fernzuhalten. Denn langsam dämmerte es mir, dass er schon längst an nichts Platonischem mehr interessiert war. Er: „Fühlst du dich imstande, in die Universität zu gehen?“ Ich: „Ja, ich gehe in die Universität!“ Er: „Ah, und du hast um wie viel Uhr Schluss?“ Ich: „Spät!“ Er: „Ah, nett, spät ist welche Uhrzeit?“ Ich: „Keine Ahnung!“ Er: „Wenn du Zeit hast, könnten wir uns ja sehen!“ Ich: „Nein!“ Mir war der Kragen geplatzt. Schon einen Tag vorher schnauzte ich ihn in meinem Fieberwahn an. Wenn ich jetzt an ihn denke, an unseren Spaziergang, tut mir das auch wirklich leid, aber jetzt, Tage später realisiere ich, es war das Beste, was ich tun konnte. Diese harten Worte waren bitternötig, um unter dem ganzen einen Schlussstrich zu ziehen. Der anfängliche Gentleman zeigte sein wahres Gesicht: er war aufs Äußerste besitzergreifend. Dachte ich mir noch am Anfang, dass ich diejenige war, die übertrieb, dass ich ihm eine Chance geben sollte, dass mein Kopf zu schnell verrückt spielte, merkte ich jetzt erst, dass es ganz gut war, dass ich schon nach einer Woche den Kontakt abbrach. Denn ich will mir gar nicht vorstellen, was gewesen wäre, wenn das ganze noch länger ging.

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