Geschichten

Wenn die Realität die Phantasie überwältigt

cropped-2014-09-24-14-21-52.jpgAlle hatten es sich im Garten der Bar gemütlich gemacht. Fröhlich quatschten noch fremde Menschen miteinander, lernten sich besser kennen. Ich stand mittendrin. Ich hatte mich auf diesen Abend wahnsinnig gefreut. Das erste Mal in der neuen Stadt ausgehen, ein paar Cocktails schlürfen und neue Leute kennen lernen, die seit Jahren oder schon ihr ganzes Leben lang hier lebten. Ich hatte mich auf einen ungezwungenen, lockeren Abend gefreut mit viel Französisch, und vor allem ohne ihn. Einen Abend lang neue Leute kennen lernen, ohne seine Anwesenheit spüren zu müssen. Die Hoffnung hatte sich aber schon bereits vor dem Barbesuch verabschiedet, als ich auf eine Freundin an der Métro-Station wartete, aufsah und ihn genau auf der anderen Straßenseite erblickte: er, mit ihr im Schlepptau, lachend. Ich wandte mich von ihnen ab. Diesen Anblick musste ich mir nicht antun. Für einen Hauch einer Sekunde hatte ich sogar beschlossen, wieder in die Métro einzusteigen und nach Hause zu fahren. Einen ganzen Abend mit den beiden Turteltäubchen? Trotzdem entschied ich mich anders. Nun stand ich also hier. Inmitten der Menschenmenge. Ich ging in ihnen unter. War mir nur recht. Immer noch herrschte in mir der Eindruck, er würde mich betrachten. Doch diese Gedanken wollte ich verdrängen. Sie waren Einbildung, absoluter Quatsch. Die Zeit verstrich ein Weilchen. Ich lernte viele Leute kennen. Lustige, spannende, aufregende Menschen. Ich diskutierte, lachte und stand manchmal dann doch sehr auf dem Schlauch, wenn das Französisch dann doch zu kompliziert wurde. Doch sie waren alle nett, verständnisvoll. Dann durch Zufall stand ich plötzlich vor ihm. Ich war ihm den ganzen Abend eigentlich aus dem Weg gegangen. Hätte ich mich in dem Moment von ihm abgewandt, wäre es wahrscheinlich unangebracht gewesen. Ich stellte mich also einer Unterhaltung mit ihm. Gezwungenermaßen. Die Unterhaltung lief schleppend an. Eigentlich war ich diejenige, die die Konversation irgendwie am Laufen hielt. Er stand nur so vor mir, mit seinem Bier, und er war arrogant, hochnäsig, eingebildet. Irgendwann sprachen wir über die Windzirkulation der Erde. Seltsamer konnte ein Gespräch überhaupt nicht werden. Doch das schlimmste war sein Desinteresse, seine Arroganz. Ich war so froh, als ich mich von ihm abwenden konnte. Alle Phantasien waren zwar zerstört, aber jetzt wusste ich, wie er tatsächlich war: hoch langweilig und von sich eingenommen. Da störte es mich auch nicht, dass er sich den ganzen Abend von ihr umschmeicheln ließ. Ich versank in der Menschenmasse und war froh, dass diese Geschichte ein schnelles Ende fand.

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